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Die Dambacher Beamtensiedlung ist Denkmal

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Ein Haus in der Beamtensiedlung heute

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Die Beamtensiedlung 1925 Fotos: Archiv Lothar Berthold

Jetzt ist es amtlich: Mit Bescheid vom 15. Februar 2016 hat der Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege die Beamtensiedlung zum Baudenkmal-Ensemble erklärt. Damit wurde einem Wunsch unseres Vorgängers entsprochen, der seinen Antrag auf Aufnahme in die Denkmalliste mit der geschichtlichen und städtebaulichen Bedeutung der in den Jahren 1921 bis 1926  vom Nürnberger Architekten Bendel geplanten Siedlung begründete.

Im Schreiben des Landesamtes heißt es dazu: „Die Gründung der Beamtenbaugenossenschaft Fürth im Jahr 1921… war eine direkte Reaktion auf die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs insbesondere in den Großstädten aufgekommene große Wohnungsnot. Die Schaffung von günstigem Wohnraum für städtische und staatliche Beamtenfamilien bei gleichzeitiger Berücksichtigung reformerischer Ideen wie der eigene Garten mit kleinem, der Selbstversorgung dienendem Stallgebäude, ist von hoher sozialgeschichtlicher Bedeutung.“ Und weiter: „Die Beamtensiedlung ist … ein baulich geschlossenes Beispiel für die Übergangsphase vom Historismus zur Moderne in der Architektur.“

Damit ist unsere Denkmalstadt Fürth wieder um ein besonderes Kleinod reicher geworden. Wie das „Eigene Heim“ oder die ehemalige amerikanische Offizierssiedlung in Dambach steht sie nun unter Ensembleschutz und hat damit zumindest eine kleine Garantie, als Zeugnis vorbildlichen Bauens zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Nachwelt überliefert zu werden.

Interessante Informationen zum Thema Ensembleschutz finden Sie unter: http://recht.denkmalnetzbayern.de/wp-content/uploads/2015/06/09-ensemble-12seiten.pdf

Die „Pechhütt´n“ in der Südstadt

12D0053Pechh.Sehr einladend zeigt sie sich ausgerechnet bei ihrem „Entrée“ ja nicht gerade, die Fürther Südstadt, wenn man von der Innenstadt aus der Bahnunterführung in die Schwabacher Straße kommend nach links schaut. Dort steht das Haus Nummer 53. Mit ihm begann die Stadtentwicklung südlich der Bahnlinie – und damit auch die Geschichte der Südstadt. „Pechhütt´n“ nennen die Einheimischen dieses Anwesen oder „Weber´s Haus“. In der heutigen Folge aus der Reihe „Häuser erzählen Geschichten“ geht es um diesen freistehenden Eckbau, der 1831 von Maurermeister Meyer und Zimmermeister Georg Herrlein als Ausflugsgaststätte errichtet wurde.

Sein Bauherr, der Schuhmacher Georg Bosch, der auch mit Käse handelte, bemühte sich allerdings zunächst vergeblich um die Erlaubnis, auf seinem Anwesen „nächst der Schwabacher Straße, wo er vor einiger Zeit ein Stück Feld erkauft, solches zu einem Garten umgewandelt und ein Haus darauf erbaut“, eine Sommerwirtschaft zu betreiben. Ob und wann dort tatsächlich ein Gastronomiebetrieb lief, lässt sich leider nicht eruieren.

Viele Jahre blieb die „Pechhütt´n“ das einzige Haus südlich des alten Krankenhauses. Lange Zeit war das Anwesen auch nur über einen Feldweg und eine kleine Brücke zu erreichen, die über den „Leyher Landgraben“ ging. In der Denkmalliste finden wir eine Beschreibung des Gebäudes, das noch heute von einem großen Garten umgeben ist: „Zweigeschossiges, klassizistisches Wohnhaus aus Sandstein mit Gurtgesims und Walmdach.“  Auf dem Foto oben sieht man den neueren Eingangsvorbau mit einer Freitreppe. So hoch über der Schwabacher Straße „thronte“ das Gebäude nicht von Anfang an. Erst der Bau und die Erweiterung der Bahnunterführung (1896 und 1926)  brachten diese Veränderung mit sich: Die Schwabacher Straße musste tiefer gelegt und das Haus entsprechend abgestützt werden.

Erst im Fürther Adressbuch von 1850 findet man dann bei dem damaligen Bewohner Johann Adam Reichel neben der Berufsbezeichnung „Drechslermeister“ auch die Angabe „Wirt“. J.A. Reichel besaß seit 1848 zudem die Lizenz zur Herstellung von Schwefelhölzern. Diese Genehmigung wurde ihm auch deswegen erteilt, weil aufgrund der Lage seines Hauses „am äußersten Ende der Stadt“ keine Sicherheitsbedenken für solch eine Produktion bestanden. Ob daher wohl die Bezeichnung „Pechhütt´n stammt? Der Schluss liegt jedenfalls nahe.

Die Bezeichnung „Weber´s Haus“ wiederum geht sicherlich auf den langjährigen Eigentümer Johann Georg Weber zurück, der 1872 das Anwesen von seinem Vorbesitzer, dem Wirt Georg Ammon, übernahm. Zu lesen ist vom „Weber´s Haus“ 1932 in den Erinnerungen des ersten Fürther Stadtarztes Dr. Emil Stark (1862 – 1939). Dort heißt es: „Östlich der Schwabacher Landstraße, gleich links über der Bahn gelegen, stand das sog. „Weber´s Haus“, jetzt Schwabacher Straße 53…“

Webers Witwe Anna Marg ließ übrigens 1902 durch den renommierten Fürther Architekten Adam Egerer (1859 – 1936) den noch heute vorhandenen Anbau an der Rückseite errichten. Sie bewohnte das Erdgeschoss, im ersten Stock ist von 1903 bis 1935 Hermann Friedrich nachweisbar. Dieser Herr wurde am 27. April 1933 zum „Zweiten Rechtskundigen Bürgermeister“ ernannt – in derselben Sitzung, in der Oberbürgermeister Robert Wild durch den Nationalsozialisten und späteren Oberbürgermeister Franz Jakob abgesetzt wurde.

stich030Pechh.Danach wechselten die Eigentümer recht oft. Vielleicht erinnern sich manche Fürther noch an den letzten Bewohner, den Zahnarzt Dr. Herbert Fichtner, der dort bis in die 1980er Jahre auch seine Praxis betrieb.

Seitdem steht das denkmalgeschützte Haus leer, verfällt zusehends und ist immer wieder Stoff für Spekulationen.

Zuletzt im April 2015 in den Fürther Nachrichten. Da schrieb Redakteur Johannes Alles: „Totgesagte leben länger: Die Pläne für ein neues Hotel in der Südstadt sind aktuell – völlig unabhängig von einem weiteren Hotelneubau an der Stadthalle – Bauantrag bis Juni“. Alles berichtet von den Plänen der Solena GmbH, mit einem 100-Betten-Bau die Lücke entlang der Karolinenstraße zu schließen und das älteste Haus der Südstadt zu sanieren. Das neue Hotel soll den maroden Altbau umschließen und in das Konzept integrieren. Und Oberbürgermeister Dr. Thomas Jung sagt im gleichen Artikel dazu, dass das mittlerweile sehr verwahrloste Grundstück geradezu nach einer Entwicklung schreie. Es werde Zeit, dass sich dort etwas tue. „Erzwingen kann die Stadt das aber nicht“.

Und so ist wieder fast ein Jahr vergangen, ohne dass sich am „Tor zur Fürther Südstadt“ etwas geändert hat. Die gute alte „Pechhütt´n wartet nach wie vor auf ihre Erweckung aus dem Dornröschenschlaf. Bleibt zu hoffen, dass der erlösende Prinzenkuss kommt, bevor die Abrissbirne vor dem Grundstück steht.

Ein dickes Dankeschön an die Historikerin Helga Zahlaus für die Unterstützung bei der Recherche zu diesem Beitrag.

Literatur/Quellen:

  • FürthWiki: Schwabacher Straße 53.
  • Habel, Heinrich: Stadt Fürth. Ensembles, Baudenkmäler, archäologische Denkmäler, München 1994, S. 370.
  • Walther, Gerd; Geschichte für Alle e.V. (Hgg.): Fürth – Die Kleeblattstadt. Rundgänge durch Geschichte und Gegenwart, Fürth 1991, S. 84.
  • Adressbücher der Stadt Fürth 1850 bis 1982.

 

Fotos: Archiv Lothar Berthold10D3089Pechh.

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Das Schliemann Gymnasium und die Feuerwache

 

VON WOLFGANG HÄNDEL, Fürther Nachrichten  Dieses Jahr soll nach dem Willen der Stadtspitze eine Entscheidung in Sachen Heinrich-Schliemann-Gymnasium fallen: Zieht die Schule in einen Neubau im Westen von Fürth? Oder bleibt sie am angestammten Platz in der Königstraße und darf die in einigen Jahren frei werdende Feuerwache nebenan zusätzlich in Beschlag nehmen? Auf welche der Optionen es hinausläuft, wird weiter intensiv diskutiert – allerlei Spekulationen inklusive. FÜRTH — Es ist ein Vorwurf, der in Internet-Kommentaren und Zuschriften an die Fürther Nachrichten immer wieder anklingt, aber auch im Dialog mit Betroffenen gern hinter vorgehaltener Hand erhoben wird: Die Stadt wolle das Schliemann-Gymnasium nur deshalb verlagern, weil sie ein gutes Geschäft wittert. In diesem Fall nämlich könne man die historische Feuerwache gewinnbringend an Wohnbauinvestoren verkaufen – wie es vor Jahren tatsächlich schon einmal im Gespräch war – und das alte Schulgebäude möglicherweise gleich dazu. Bei der Stadt winkt man auf FN-Anfrage heftig ab. „Keinen Menschen treibt so etwas um“, sagt Baureferent Joachim Krauße. „Das ist garantiert falsch“, antwortet Oberbürgermeister Thomas Jung hörbar empört. Und beide betonen: Es gehe allein darum, was das Beste für die Schule ist, die erheblich mehr Raum benötigt. Zumal ein Neubau – dafür in Frage kämen kommunale Grundstücke neben der LAC-Halle am Finkenschlag und nahe dem Jugendhaus auf der Hardhöhe – 20 bis 30 Millionen Euro koste; unter dem Strich sei deshalb kein Profit zu erwarten. Damit keine weiteren Missverständnisse aufkommen, versichert Jung: Gebe es „innerhalb der Schulfamilie eine deutliche Mehrheit“ dafür, werde er dem Stadtrat empfehlen, den Verbleib des Gymnasiums in der Innenstadt zu beschließen. „Ich will schließlich keinen Schulkrieg“, so der Rathauschef. Eine martialische Formulierung, doch gemessen am strammen Gegenwind, der nach Bekanntwerden der Überlegungen auch aus Richtung der Schüler und Eltern aufgekommen ist, könnte die Auseinandersetzung tatsächlich giftig werden. Jung gesteht zu, dass Tradition der Schule und Nähe zur Innenstadt, die ins Feld geführt werden, „sehr gute Argumente sind“. Dem stehe jedoch die Erkenntnis gegenüber, dass der zusätzliche Raumbedarf, den das Gymnasium angemeldet hat, im historischen Gebäude der heutigen Feuerwache wegen der Denkmalschutzbestimmungen nicht zu erfüllen sei. „Grundstruktur ungeeignet“ Das untermauert auch Bürgermeister und Schulreferent Markus Braun erneut. „In seiner Grundstruktur ungeeignet“ sei das Gebäude, um die benötigten 22 Klassenzimmer mit je 60 bis 70 Quadratmetern Fläche unterzubringen, dazu unter anderem Fachräume und Lehrerzimmer. Es gebe dort „eher kleinere oder gleich ganz große Räume“. Selbst zusammen mit einem Neubau hinter der Wache, der ohnehin vorgesehen ist, reiche das Platzangebot nicht aus. Und Umbauten? Natürlich, sagt Baureferent Krauße, bestehe theoretisch die Möglichkeit, weitgehend zu entkernen und nur die Fassade zu erhalten, wie es schon bei den historischen Häusern in der Neuen Mitte praktiziert – und heftig diskutiert – wurde. Der Denkmalschutz indes dürfte dann kein Thema mehr sein – eine reichlich unrealistische Perspektive bei einem derart prominenten Objekt im barockisierenden Jugendstil, Baujahr 1908. Allerdings: Zwischen vollständigem Erhalt und Entkernung gibt es etliche Zwischenstufen, findet Stadtheimatpflegerin Karin Jungkunz und rät, dies im Auge zu behalten. Aus ihrer Irritation macht sie auf Nachfrage kein Hehl, „sehr erstaunt“ sei sie über die Umzugspläne. In der ganzen Republik gebe es doch „viele historische Gebäude, die beweisen, dass eine sinnvolle Nutzung möglich ist“. Jungkunz ist deshalb zuversichtlich: „Man kann Kompromisse finden, einen gesunden Mittelweg.“ Fürth, meint die Stadtheimatpflegerin, sei schließlich „kein Freilandmuseum“. Sie will nun wegen des Schliemann-Gymnasiums rasch den Kontakt zum Landesamt für Denkmalpflege suchen. Alle müssten sich „rechtzeitig an einen Tisch setzen“. Eine Lösung am bisherigen Standort hält auch die Führungsebene im Rathaus für möglich – jedoch nur unter der Bedingung, dass die Schule deutliche Abstriche bei ihrem Raumbedarf macht. Zu bedenken gibt Baureferent Krauße außerdem, dass auch im derzeitigen Schliemann-Gebäude dringende Sanierungen anstehen, die sich über Jahre hinziehen werden, und das „im laufenden Betrieb“. Er, so der OB, empfehle deshalb eine Abwägung „aller Alternativen“ und die Nachfrage in Neumarkt: Dort habe ein Gymnasium mit langer Tradition sehr vom Wechsel in ein modernes Domizil profitiert. Bisher freilich scheinen solche Argumente bei den Betroffenen kaum zu ziehen. „Im Moment ist wenig Begeisterung für einen Umzug erkennbar“, räumt Markus Braun ein – und reagiert: Im Gespräch mit unserer Zeitung bringt der Schulreferent überraschend eine weitere Variante ins Spiel. Man suche seit kurzem auch noch nach Flächen für einen Neubau in der Innenstadt. „Aber“, sagt Braun, „das ist ganz, ganz schwierig.“

Fürther Nachrichten vom 29. Januar 2016

Dauerthema Hauptbahnhof

Neues Gutachten soll Konflikt entschärfen Bahnhofssanierung: Erhalt der Vorhalle ist möglich, aber teurer — Stadt sucht Gespräch mit der Bahn

Ein Konflikt zwischen der Bahn und dem Denkmalschutz lässt die angedachte Sanierung des Fürther Hauptbahnhofs stocken. Jetzt soll ein neues Gutachten der Stadt Bewegung in die völlig verfahrene Situation bringen. FÜRTH — Der Fürther Hauptbahnhof bietet schon lange keinen wirklich einladenden Anblick mehr. Die Flügel stehen weitgehend leer, der Mittelbau ist spätestens seit dem Abriss von Bahnsteig 1 endgültig von den Pendlerströmen abgehängt, die sich hauptsächlich im Untergrund bewegen. Die Stadt sowie einzelne Politiker drängen die Bahn nicht erst seit gestern, das marode und zu Teilen leerstehende Gebäude zu sanieren. Seit gut drei Jahren hat der Konzern Pläne in der Schublade liegen. Weil diese aber vorsehen, die vorgelagerte Schalterhalle aus dem Jahr 1914 abzureißen und durch einen Neubau mit einer Fassade aus Glas und Stahl zu ersetzen, hat sich ein Konflikt mit Denkmalschützern entzündet. Sowohl das Landesamt für Denkmalpflege in München als auch Fürths Stadtheimatpflegerin Karin Jungkunz sprechen sich für den Erhalt aus. Im Fürther Rathaus hat man ebenfalls große Bedenken. Laut Bahn wäre aber ein Abriss nötig, weil nicht nur das Gebäude saniert, sondern auch das Untergeschoss ausgebaut werden soll, um dort Platz für Läden zu schaffen. Diese Erweiterung würde jedoch die Statik der darüber stehenden Schalterhalle in Gefahr bringen, heißt es. Im Rathaus bemüht man sich um eine Lösung dieses Streits – und hat in den vergangenen Monaten von einem Experten untersuchen lassen, ob sich der Ausbau des Untergeschosses vielleicht doch mit dem Erhalt des Vorbaus vereinbaren lässt. Das wenig überraschende Ergebnis: „Es ist technisch denkbar, aber mit Mehrkosten verbunden“, erläutert Baureferent Joachim Krauße. „Über diese Mehrkosten muss man reden.“ Exakt beziffern könne er sie noch nicht, erklärt Krauße. „Ich bin da vorsichtig.“ Die Kommune hat das Ergebnis vor wenigen Tagen an die Bahn weitergeleitet und hofft nun darauf, dass der Konzern die Gespräche wieder aufnimmt. Mit dem Gutachten, so der Baureferent, sei die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt ihrer Pflicht nachgekommen, „die Diskussion auf ein breiteres Fundament zu stellen“. Krauße sieht neben der Kostenfrage noch die Debatte „Funktion gegen Historie“ heraufdämmern. Denn: Nach seinen Worten soll der Vorbau auch künftig eine Aufgabe übernehmen. „Nämlich mindestens die, dass man von dort bequem über eine Rolltreppe in die untere Reiseebene gelangt – und umgekehrt.“ Eine Rolltreppe brauche aber Platz, in der historischen Vorhalle könnte es dann sehr eng werden. Jetzt soll erst einmal geredet werden. Krauße hofft, dass noch im Februar ein Gesprächstermin mit Vertretern der Bahn zustande kommt.

JOHANNES ALLES , Fürther Nachrichten vom 27.01.2016

Zum Tod von Robert Schopflocher

Der plötzliche Tod von Robert Schopflocher hat auch mich sehr traurig gemacht. Von Beginn an begleitete Herr Schopflocher unsere Arbeit mit großem Interesse und Wohlwollen. Vieles davon finden Sie auf diesen Seiten. Immer wieder hat er uns an seinen Fürth-Erinnerungen teilhaben lassen und sich nach Denkmalorten in seiner Heimatstadt erkundigt. Dieser wunderbare Austausch wird mir fehlen. Unten der sehr schöne Nachruf aus den Fürther Nachrichten von Bernd Noack.

 

Dialog mit den Geistern der Vergangenheit

Der aus Fürth stammende Schriftsteller Robert Schopflocher ist mit 92 Jahren in Buenos Aires gestorben

VON BERND NOACK

Der 1923 in Fürth geborene jüdische Schriftsteller Robert Schopflocher, der sich in seiner Exil-Heimat Argentinien Roberto nannte, ist am vergangenen Samstag in Buenos Aires gestorben.

Wer das Glück hatte, Robert Schopflocher kennenzulernen, der traf auf einen distinguierten älteren und altersweisen Herrn, der zuhören und erzählen konnte, der neugierig war noch immer, obwohl er doch in mehr als neun Jahrzehnten so viel erfahren und durchgestanden hatte. Schopflochers Augen leuchteten, wenn er in seine Erinnerungen abtauchte und aus dem ganzen Wissens- und Daseins-Schatz die Zeiten hervorholte, in denen er den Segen des Lebens genießen, aber auch die Abgründe des Schicksals ertragen musste. Der Segen, das war die Kindheit in seiner Geburtsstadt Fürth. Hier kam er am 14. April 1923 zur Welt, als Sohn einer großbürgerlichen jüdischen Familie. Im stattlichen Gebäude an der Königswarterstraße spielte das Kind und wuchs heran: Als Schopflocher bei einem seiner zahlreichen Fürth-Besuche nach dem Krieg nochmal in seine alte Wohnung kam, fand er im Holz eines Türstocks die Kerben wieder, die eingeritzt wurden um zu kontrollieren, wie schnell das Kind damals größer wurde. Flucht vor den Nazis Solche Details, anrührend viele und – wie man sehen sollte – nicht wenige tragisch, waren es, die Robert Schopflocher seit der Flucht vor den Nazis im Jahr 1937 mit sich und im Herzen trug. Schopflochers Gedanken an das alte Fürth waren ungemein sinnlich: er beschrieb Gerüche und Geräusche, er hörte noch die Töne einer quietschenden Straßenbahn und sah vor sich die bunten Lichter der Kirchweih, als er schon lange in Argentinien lebte, wohin sich seine Familie seinerzeit in Sicherheit gebracht hatte. Diese Sicherheit war für Schopflocher nie unproblematisch. Und hier sind wir bei den Abgründen: Der „Verkettung nicht voraussehbarer Umstände ist es zuzuschreiben, dass ich nicht in der Gaskammer oder im Krematorium endete wie mehr als einer meiner früheren Schulkameraden und Schulfreunde,“ schrieb er in seinen Erinnerungen „Weit von hier“. Schmerzhaft unsentimentale, knappe, lapidare Gedanken waren das über eine abenteuerliche Reise durch die Welt, an deren Beginn der Zufall stand. Solche Sätze, die in die Idyllen wie Hiebe fuhren, blieben dem Leser im Hinterkopf, und man spürte, wie brüchig eine Existenz ist, von wieviel ungeahnten Ereignissen sie beeinflusst wird, wieviel Verluste sie begleiten. Robert Schopflocher, der „Davongekommene“ hat diese „Umstände“ aber auch als Auftrag begriffen: Er ruhte sich nicht aus auf seinem Glück, sondern mischte sich denkend, schreibend und handelnd ein. Also fragte er – und bezog das eben nicht allein auf seine jüdische Herkunft –, warum eine Minderheit denn kulturelle Errungenschaften, Tradition und Geschichte über Bord werfen sollte, „gewissermaßen als Preis, um von der Umwelt akzeptiert zu werden“? Schopflocher selber hat konsequent an seiner Identität festgehalten, auch und vor allem in der Fremde, die ihm nach und nach zur Heimat wurde: die Vertreibung konnte ihm die Reminis-zenzen, den Stolz, den Schmerz und die Hoffnung nicht austreiben. Soviel erlittene Erniedrigung, Ausgrenzung und Abschiede aber trug er mit sich herum, immer war da das „nachhallende Grundgeräusch, das von der Shoah ausgeht“, und dennoch war er fähig zu Sätzen wie diesem: „Verwundert stelle ich fest, dass das Kindheitsland, aus dem ich verstoßen wurde, in den tiefen Schichten meines Seins weiter lebt und wirkt, trotz der unfassbaren Verbrechen, die in ihm stattgefunden haben. Das Land und seine Sprache.“ Zu dieser, seiner Mutter- und Vater-Sprache (und also zum Schreiben) zurück fand Schopflocher spät und erst dann wirklich, als er sie nicht mehr rund um sich hören konnte. In Argentinien, wo er im Brotberuf als Verwalter landwirtschaftlicher Güter und als Kaufmann arbeitete, ent-stand erste Prosa in spanischer Sprache, dann begann er auf Deutsch zu schreiben. Seine argentinischen Erzählungen erschienen bald übersetzt im renommierten Suhrkamp Verlag, sein erster deutsch verfasster Roman „Wie Reb Froike die Welt rettete“, in dem das vergessene und zerstörte jüdische Schtetl lebendig wurde, war ein großer Erfolg bei Kritik und Lesern. Es folgten weitere Romane, oft genug Brückenschläge zwischen der alten verlorenen Welt und der rettenden neuen Heimat, Gedichte, feuilletonistische Ausflüge in die Vergangenheit. 2008 ehrte ihn die Stadt Fürth mit dem Jakob-Wassermann-Literaturpreis. Sein vor kurzem erschienener letzter Roman „Das Komplott zu Lima“ erzählt sprachgewaltig von dem gefährlichen Leben der Juden im Südamerika des 17. Jahrhunderts. Was man vermisst Eine schlichte Karte von Robert Schopflocher, datiert auf den 8. Dezember 2015, erreichte mich erst dieser Tage als verspäteter Neujahrsgruß. Die Schrift schon zittrig, drücken die Wünsche zu einer „glücklicheren Epoche 2016“ Verbundenheit aus, auf die sich verlassen konnte, wer den Schriftsteller kannte. Und einer der letzten Texte aus der Feder Robert Schopflochers dürfte ein Beitrag zu einer Serie im Lokalteil der Fürther Nachrichten sein, in der es um Dinge, Orte und Menschen geht, die man vermisst. Darin heißt es – und es klingt wie ein Vermächtnis: „Man sollte sehr genau aufpassen, welche Geister man durch die Pforten der Erinnerung schlüpfen lässt, und welchen man die Gnade der Vermisstmeldung angedeihen lassen soll. Eine Selektion, bei der wir mit dem guten Willen der Nachgeborenen rechnen dürfen, deren ausgestreckte Freundeshand wir dankbar ergreifen.“