Stadtrat bestätigt Stadtheimatpfleger

Der neue Stadtrat hat in seiner ersten Sitzung einstimmig beschlossen, uns wieder als Stadtheimatpfleger zu bestellen. Darüber freuen wir uns sehr und danken herzlich.
In den vergangenen sechs Jahren haben wir versucht, unserem Ehrenamt gerecht zu werden und die Tradition dort zu bewahren, wo sie für die Denkmalstadt Fürth dringend geboten ist.
Aber die Unterstützung einer gesunden Stadtentwicklung gehört ebenso zu unseren Aufgaben und deshalb wollen wir auch dem Fortschritt nicht im Wege stehen.
Das ist nicht immer leicht, dazu braucht man ein gutes Netzwerk. Deshalb wünschen wir, dass alle Fürth-Freunde uns auch in Zukunft mit Rat und Tat zur Seite stehen. Unsere Arbeit soll und muss auch immer von einer kritischen Öffentlichkeit begleitet werden.

Mit heimatlichen Grüßen
Karin Jungkunz und Lothar Berthold

Jahresbericht der Stadtheimatpflege 2019

Chronologischer Tätigkeitsbericht 2019 der Stadtheimatpflege Fürth
mit Schwerpunkt auf den Pflichtaufgaben:

Behördentage mit dem Landesamt für Denkmalpflege und der Unteren Denkmalbehörde
Besichtigungen möglicher Baudenkmäler mit dem Landesamt für Denkmalpflege
Beratungstätigkeit im Bauausschuss, Baubeirat und Baukunstbeirat
Teilnahme an Ehrungen und Architektenwettbewerben
Stellungnahmen zu städtischen Planungen

Montag 14.01.2019 Baubeirat

Ritter-von-Aldebertstraße: städtebaulich ansprechenderer Neubau geplant.

Der wertvolle Laubbaum in der Grundstücksmitte wird erhalten bleiben.

Montag 11.02.2019 Baubeirat

Kutzerstraße: Möglichkeiten zusätzlicher Bebauung wurden begutachtet.

Kapellenstraße: Anstelle des Gewerbebaus entseht eine Kindertagesstätte. Das Ziegeldach des dahinterstehenden Altbaus bleibt erhalten.

Montag 11.03.2019 Baubeirat

Kronach: geplante Verdichtung der Bebauung am Waldrand problematisch.

Kronach: Der Sündenfall aus den 1970er Jahren: zu nahes Gewerbegebiet.

Unterfürberg: Ebenfalls eine Bausünde vergangener Zeiten: ein beliebiger Neubau,
der überall stehen könnte, in einem historischen Dorfzentrum. Dem Neubau
fiel die Hälfte der Doppelscheune zum Opfer. Der Rest ist wohl nicht zu halten.

Dienstag 19.03.2019 Behördentag

Ludwigstraße: gut erhaltenes Baudenkmal. Nur die Einscheibenfenster stören.

Das Rückgebäude des gleichen Anwesens wird denkmalgerecht saniert.

Hausgang des Vordergebäudes: Bis auf die Briefkästen im Originalzustand.

Dienstag 16.04.2019 Behördentag

Angerstraße: Unter einer abgehängten Decke erhielt sich das unversehrte Original.

Die Wandbemalung überlebte die davorgeklebte Verschalung leider nicht.

Montag 27.05.2019 Baubeirat

Fuggerstraße: Geplanter Neubau zwischen dichtem Baumbestand.

Mauerstraße: Typisches 50er-Jahre-Einfamilienhaus muss höherer Bebauung weichen.

Die gegenüberliegenden Hochbauten werden als Begründung vorgebracht.

Königstraße 109: Vorbildliche Sanierung der Fledermausgauben auf dem Dach.

Königstraße 109: Erhaltenswerte Teile des Haustors blieben bei der Restaurierung erhalten.

Auch die historischen Decken in den Innenräumen wurden wiederhergestellt.

Dienstag 23.07.2019 Behördentag

Alexanderstraße: Solaranlage des evangelischen Gemeindehauses.

Die Solarzellen befinden sich in ungünstiger Lage auf dem Nebengebäude.

Besser wären Solarzellen auf dem Dach des Hauptgebäudes in Südlage.

Eingesparte Energiekosten ermöglichen denkmalgerechte Eingangssanierung.

Mittwoch 07.08.2019 Landesamt für Denkmalpflege

Ulmenstraße: Über 300 Jahre altes „Batzenhäusla“ vom Abriss bedroht.

Gustavstraße: „Gelber Löwe“ wird nicht als Baudenkmal ausgewiesen.

Unterfürberg: Originelle Eigenbau-Sternwarte, aber kein Baudenkmal.

Oberfürberg: Auch dieses Doppelhaus wird nicht als Baudenkmal ausgewiesen.

Unterfarrnbach: Eigenbau aus der Nachkriegszeit, ebenfalls kein Baudenkmal.

Freitag 30.08.2019 Gedenkstele für Emilie Lehmus

Friedhof: Nach Einweihung der Stele kam es zu Irritationen über die Figur.

Leider landen immer noch aufgegebene Grabsteine auf der Bauschuttdeponie.

Freitag 13.09.2019 Architektenwettbewerb Meckstraße

Einstimmig: Erster Preis für an die historische Umgebung angepassten Neubau.

Sonntag 27.10.2019 Stellungnahme zu Bauprojekt

Feldstraße: Neubau sehr nahe an eingetragenes Naturdenkmal (Hecke).

Dienstag 29.10.2019 Behördentag

Besichtigung des alten Feuerwehrgebäudes: stark sanierungsbedürftig.

In den Werkstätten stehen schon museumsreife Einrichtungen.

Nach Neunutzung des Feuerwehrgebäudes kann Helmplatz umgestaltet werden.

Ebenso kann der Platz vor der Feuerwehr neu gestaltet und begrünt werden.

Das historische Treppenhaus im Wohntrakt des Gebäudes bleibt erhalten.

Mittwoch 30.10.2019 Kalenderpräsentation

Königstraße: Vorstellung des Kalenders „Schieferfassaden“ der Stadtheimatpflege.

Dienstag 12.11.2019 Behördentag

Besichtigung der vorbildlichen Restaurierungsmaßnahmen am Hauotbahnhof.

Vom Baugerüst bietet sich ein besonderer Blick auf die Bahnsteige.

Donnerstag 14.11.2019 Südstadtrundgang

Karlstraße: „Schuhabkratzer“ – ein interssantes Detail an einem Baudenkmal.

Karolinenstraße: Nachverdichtung durch Neubauten auf einer Baulücke.

Freitag 22.11.2019 Mittelfränkische Heimatpflegetagung

Die mittelfränkischen Heimatpfleger/-innen trafen sich im Jüdischen Museum.

Ein sonst nicht zugänglicher Balkon bietet Blick auf eine neugestaltete Pflasterwüste.

Die Mikwe im Jüdischen Museum, Original-Bauteil als „Ausstellungsstück“.

Übergang vom Vorderhaus zur Laubhütte im Rückgebäude.

Modell des Synagogenplatzes, der in der Pogromnacht 1938 zerstört wurde.

Samstag 30.100.2019 Thema Solaranlagen

Solardach auf einer Scheune in Stadeln erzeugt umweltfreundliche Energie.

Das darunterliegende Originaldach wird durch die Solarzellen nicht zerstört.

Dienstag 10.12.2019 Behördentag

Frankenstraße: Ehmalige „Möbelfabrik Wilhelm Wenning“ wird Baudenkmal.

Zunächst wird das Rückgebäude denkmalgerecht saniert.

Nur der alte Kamin ist nicht zu retten.

Hirschenstraße: Frühklassizistische Erstbebauung im Hof wird saniert.

Viel geschafft, doch viel bleibt noch zu tun!
Auch 2020 sind wir für Euch da und setzen uns für eine lebenswerte Stadt Fürth ein.
Vielen Dank für Eure Unterstützung, bleibt gesund!
Eure Stadtheimatpfleger Karin Jungkunz und Lothar Berthold

Schillernd schön: Schiefer in Fürth

Liebe Fürth-Freunde!
Wussten Sie, dass Fürth die Großstadt in Bayern mit den meisten Verschieferungen von Fassaden und Dächern ist?
Diese Tatsache hat die Stadtheimatpflege zusammen mit dem Fotografen Gerd Axmann inspiriert, heuer einen Kalender 2020 herauszugeben, dessen Reinerlös einem Denkmalschutzprojekt zugute kommt.

FOTO: Hans-Joachim Winckler DATUM: 30.10.2019
MOTIV: Stadtheimatpflegerin Karin Jungkunz und Fotograf Gerd Axmann haben sich in einem Kalender mit dem Thema Schiefer in Fürth auseinandergesetzt – Vorstellung des Kalenders im Hof Königstraße 55/57

Vielleicht eine Anregung für ein Weihnachtsgeschenk?

Der Kalender ist zum Preis von 24,80 im Buchhandel erhältlich.
Er kann auch bei der Buchhandlung Jungkunz, Tel. 0911/740830, buchhandlung@jungkunz-fuerth.de
oder bei info@stadtheimatpflege-fuerth.de
bestellt werden.

Fürther Kunst: Majas Comeback am Kavierlein

Vor 25 Jahren ist die Fürther Künstlerin Gudrun Kunstmann gestorben. Anlässlich des Jahrestags hat die Wohnungsgenossenschaft Fürth-Oberasbach eine Replik der Tonfigur „Frühlingsgöttin Maja“ am Kavierlein enthüllt.

Über 40 Jahre lang prägte die 1917 in Erlangen geborene Künstlerin das kulturelle Schaffen in der Region. Alleine in Fürth finden sich bis heute Dutzende ihrer Figuren – eine der bekanntesten dürfte wohl das Flusspferd Elsbeth in den Pegnitzauen sein. Weitgehend in Vergessenheit geraten war dagegen die drei Enten in einen Teich scheuchende Frühlingsgöttin Maja. Ende der sechziger Jahre wurde das Werk schwer beschädigt und verschwand dann gänzlich. Nun ist es als Replik in den öffentlichen Raum zurückgekehrt: in die Widderstraße, direkt hinter dem Restaurant Vapiano.

Nach alter Tradition steht ein Prozent der Baukosten als Beitrag für Kunst am Bau zur Verfügung, dem wollte auch die Wohnungsgenossenschaft Fürth-Oberasbach gerecht werden. Für Restaurator und Künstler André Jeschar war es keine geringe Herausforderung. Schließlich standen für seine Replik lediglich Fotografien als Vorlage zur Verfügung.

Ein Denkmal anderer Art hat Ingrid Baier, Mitarbeiterin im Fürther Stadtarchiv, der Künstlerin gesetzt. Ihr Buch „Die Bildhauerin Gudrun Kunstmann und ihre Werke – eine Spurensuche in Fürth“ ist nach mehr als dreijähriger Recherche pünktlich zum 25. Todestag fertig geworden. Neugierig gemacht habe sie der stattliche Nachlass Kunstmanns, der sich im Stadtarchiv befindet. „Ich habe mich dann in ganz Fürth auf Spurensuche begeben, manchmal mit nicht mehr als einem vergrößerten Foto eines Kunstwerks“, berichtete Baier am Rande der Enthüllung der „neuen“ Maja.

„Die Bildhauerin Gudrun Kunstmann und ihre Werke – eine Spurensuche in Fürth“ mit zahlreichen Fotografien auf 133 Seiten ist im Stadtarchiv, im Stadtmuseum sowie in der Buchhandlung Edelmann erhältlich (16,80 Euro).

Kein Schutz für altes Gemäuer

Das Landesamt für Denkmalpflege gerät wegen seiner Entscheidungen in Fürth immer mehr in die Kritik.
Artikel aus der FN vom 16.10.2019

Waren die strengen Entscheidungen des Landesamts für Denkmalpflege früher einmal bei Altbaubesitzern gefürchtet, empört das neuerdings zurückhaltende Einstufen von Denkmalwürdigem die Freunde historischer Bausubstanz.
Auf völliges Unverständnis ist zuletzt die Entscheidung der Behörde gestoßen, das sogenannte Batzenhäusle in der Ulmenstraße nicht unter Denkmalschutz zu stellen. Das seit 1565 bekannte und seit 1788 beurkundete Gebäude soll abgerissen werden, um einem modernen Wohnhaus Platz zu machen.
Der Altbau, so der Eigentümer, ist im Hinblick auf den Wohnkomfort nicht mehr zeitgemäß. Einen Neubau hält der Baubeirat nur dann für genehmigungsfähig, wenn er nicht größer ausfällt als der Altbau. Eine Abfuhr hat das Landesdenkmalamt dem Vorstoß des Beirats und der Stadtheimatpflegerin Karin Jungkunz erteilt, das Batzenhäusle unter Denkmalschutz zu stellen. Die Bedeutung des Hauses als ehemals beliebte Einkehrmöglichkeit reiche nicht aus, heißt es in der Begründung.
Untermauert wird diese mit dem Hinweis auf die mehrfachen Modernisierungen geopferte historische Ausstattung. Als Gaststätte sei das Gebäude am ehemaligen Kirchenweg von Fürth nach Kronach und Ronhof nicht mehr wahrnehmbar.
Diese Einschätzung hat Methode, kritisiert die Stadtheimatpflegerin. Auch der Gaststätte „Zu den sieben Schwaben“ in der Otto-Seeling-Promenade, der Stadelner Fabrikantenvilla auf dem ehemaligen Leistritz-Areal und einer Oberfürberger Villa aus den 30er Jahren sei wegen Modernisierungen der Ausstattung die Denkmalwürdigkeit versagt worden.
Aktuell wird über die Einstufung des Altbaus Ludwigstraße 24 gerungen – neben der „Pechhüttn“ Ecke Schwabacher Straße, Karolinenstraße eines der ältesten Südstadthäuser. Auch hier rümpfen die Landesdenkmalschützer über nachträgliche Umbauten, etwa der Sanitäreinrichtung, die Nase. Das kann Karin Jungkunz nicht verstehen: „Die Leute sollen wohl heute noch in Höhlen leben?“, fragt sie angriffslustig. Hinter der restriktiven Haltung der Behörde vermutet die Stadtheimatpflegerin finanzielle Zwänge. Denn für Baudenkmäler können die Besitzer Zuschüsse einfordern und Investitionen abschreiben. Dieses Problem sollte nach Ansicht von Karin Jungkunz aber besser durch eine Änderung der Zuschussrichtlinien gelöst werden als durch das Versagen der Denkmalwürdigkeit.
Der Fürther Bauausschuss teilt die Bedenken der Stadtheimatpflegerin. Von einer „beunruhigenden Entwicklung“ spricht Oberbürgermeister Thomas Jung. Die Einschätzungen des Landesdenkmalamtes seien immer weniger vermittelbar. Die Behörde bewege sich in ihren Urteilen zunehmend in einer vom Alltag abgehobenen Expertenwelt.
Für den Neubau des Batzenhäusles hat der Architekt des Eigentümers drei Planvarianten vorgelegt. Zähneknirschend stimmte der Bauausschuss nun einer davon zu, bei der das neue Gebäude vier Meter weit vom stark frequentierten Fuß- und Radweg entlang der Pegnitz weggerückt wird. Der Altbau grenzt noch direkt daran an. Verkehrstechnisch verspricht diese Lösung immerhin eine Verbesserung.
Einen rechtsverbindlichen Bebauungsplan mit Vorschriften an die Neubauten in diesem Bereich gibt es nicht. Über naturschutzrechtliche Aspekte und die Hochwasserproblematik sind die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen.

Schillerstraße 10: Bertha Baudracco-Wolf

Betrachtet man in der Schillerstraße die Anwesen der Hausnummern 10 und 12, so unterscheiden sie sich äußerlich nur wenig voneinander. In den Jahren 1867–1870 in spätklassizistischer Bauweise als spiegelbildlich-symmetrische Anlage durch den Fürther Architekten Jakob Meyer (Firma Hofmann und Meyer) errichtet, variieren sie nur in einigen Details der Fassadengestaltung. Sofort fällt jedoch über dem Tor der Hausnummer 10 eine Gedenktafel mit Reliefbüste ins Auge, die an Bertha Baudracco-Wolf und ihre Vorfahren erinnert, deren Familiengeschichte und Lebensweg jedoch nur den wenigsten Fürthern bekannt sein dürfte. Wer also war diese Frau und welche Rolle spielte das Haus Schillerstraße 10 in ihrem Leben?

Berthas Ururgroßvater Johann Burkhard Wolf wurde am 17. Oktober 1700 vermutlich in Bamberg geboren, erhielt nach dem Studium der Jurisprudenz und Philosophie in Altdorf und Jena die Doktorwürde beider Rechte und wurde 1729 in das Kollegium der Advokaten der Reichsstadt Nürnberg aufgenommen und 1757 zum „Curator gerichtlicher und anderer Sachen“ ernannt. 1729 heiratete er die in Leipzig geborene und in Nürnberg aufgewachsene Juliana Sophia Freund, mit der er fünf Kinder hatte, zwei Töchter und drei Söhne, von denen der jüngste, Christoph August Wolf (1736–1816), wie sein Vater Jurist, zum kaiserlichen Notar in Langenzenn bestellt wurde, wo er sich 1788 mit Apollonia Sixtus (1750–?) vermählte. Beider Sohn, Johann Georg Wolf (1793–1842), schlug nicht mehr die akademische Laufbahn ein, sondern widmete sich als „Bürger und Ökonom“ der Bewirtschaftung seines Landbesitzes, den die Familie wohl im Laufe der Jahre erworben hat. Am 29. März 1837 schenkte seine Ehefrau Barbara Hoffmann (1799–1869) ihrem zweiten Kind Johann Georg Nikolaus Wolf das Leben, dem Vater Bertha Emilies. In Fürth ansässig war dieser seit 1863, nachdem seinem Gesuch an den dortigen Stadtmagistrat um die Erteilung einer Konzession als Flaschnermeister entsprochen worden war. Ab 1872 erscheint er in den Fürther Adressbüchern als erster Eigentümer des Anwesens Schillerstraße 10, wo er äußerst erfolgreich eine kleine Fabrik für Blechspielzeug und Blechblasinstrumente betrieb, wie aus seiner Bezeichnung als „Spielwaren-“ beziehungsweise „Trompetenfabrikant“ hervorgeht. Seit 1864 verheiratet mit Elisabeth Bauer (1840–1903), wurde am 1. Januar 1873 die Tochter Emilie Bertha als zweites Kind der Eheleute geboren. Spätere Angaben, die als Geburtsjahr 1878 nennen, sind unrichtig. Am 5. April 1871 war Sohn Johann Friedrich zur Welt gekommen, ein weiterer Sohn, Karl Wilhelm, folgte am 16. Juli 1874.
Die junge Bertha verlebte allem Anschein nach in der Schillerstraße 10 eine unbeschwerte Kindheit. Viele Stunden verbrachte sie im Betrieb des Vaters, an dem sie sehr hing, und verfolgte seine Tätigkeit mit lebhaftem Interesse. Umso härter traf sie sein früher Tod 1887 im Alter von nur 50 Jahren. Schweren Herzens musste seine Witwe das Unternehmen aufgeben, da ihre Kinder noch zu jung waren, um die Nachfolge des Vaters anzutreten, doch das Haus in der Schillerstraße verblieb im Besitz der Familie Wolf.
Über die nächsten Lebensjahre Bertha Wolfs bis zu ihrer Eheschließung ist nichts bekannt. Am 5. August 1893 heiratete sie den aus Schleiden, Regierungsbezirk Aachen (heute Kreis Euskirchen, Nordrhein-Westfalen), stammenden und seit etwa zwei Jahren in Fürth lebenden Ludolf Friedrich Holle (25. Mai 1867–?), der im selben Jahr vom Königlichen Oberbahnamt Nürnberg zum „Eisenbahnadjunkten“, worunter der Gehilfe eines Beamten zu verstehen ist, ernannt worden war, doch stand die Ehe unter keinem günstigen Stern. Die zwei Kinder verstarben noch im Säuglingsalter, Elsa (17. Juli 1893–27. August 1893) und Erich (4. Dezember 1894–8. März 1895), für die junge Frau sicherlich eine der „Bitterkeiten des Lebens“, von denen später ihr zweiter Ehemann Mario Baudracco spricht.

1897 hieß es für Bertha Abschied nehmen von Fürth und von der Schillerstraße, wo sie auch nach ihrer Verheiratung gelebt hatte, als ihr Ehemann zunächst nach Pleinfeld und ein Jahr später nach München versetzt wurde. Noch vier Jahre hielt danach die Ehe mit Friedrich Holle, bevor sie am 19. Dezember 1902 geschieden wurde. Über die näheren Umstände verlautet nichts; „aus Verschulden des Beklagten“ heißt es lediglich lapidar in amtlichen Angaben zum Personenstand. Das gemeinsame Wohneigentum in der Münchner Orffstraße musste aufgegeben und 1906 sogar zwangsversteigert werden. Bertha blieb in München, wo sich zwischenzeitlich auch ihr jüngerer Bruder Wilhelm, der laut Meldebogen als „Magazinier“ tätig war, niedergelassen hatte, mit dem sie anscheinend zeitlebens ein besonders herzliches Verhältnis verband. Der ältere Bruder Friedrich fand in Berlin als Kaufmann sein Auskommen. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie nach der Scheidung offenbar zeitweilig als „Kleidermacherin“, wird im polizeilichen Meldebogen der Stadt München aber auch als „Privatiere“ geführt, bezog also möglicherweise eine Art Rente.
Das Anwesen Schillerstraße 10 befand sich von 1893 bis zur Scheidung 1902 im gemeinsamen Besitz Bertha und Friedrich Holles; Elisabeth Wolf wird bis zu ihrem Tod 1903 nur noch als Bewohnerin des Hauses in den Adressbüchern der Stadt Fürth genannt.
Ein neuer, glücklicherer Lebensabschnitt begann für Bertha, als sie den aus Italien stammenden Ingenieur Mario Baudracco (5. Mai 1877–?) kennen lernte, den sie am 9. November 1910 heiratete. Ungewöhnlich ist der Ort der Eheschließung, die in London stattfand, allem Anschein nach im Laufe einer mehrjährigen Reise des Paares durch Italien und England. Wie aus ihrem Münchner Meldebogen hervorgeht, war im Mai 1909 für Bertha ein Pass für einen dreijährigen Aufenthalt in diesen Ländern ausgestellt worden. Im November 1909 erscheint sie allerdings noch als „falsch angemeldet“ unter einer Münchner Adresse als Ehefrau von Mario Baudracco unter dessen Namen. Um 1911 ließen sich die Eheleute dann offenkundig in Gries (bei Bozen; 1925 eingemeindet) nieder, denn dorthin hatte sich auch Berthas Bruder Wilhelm am 16. November 1911 aus München abgemeldet.
Doch noch immer kehrte keine Ruhe in Berthas Leben ein. Im Ersten Weltkrieg verlor das Ehepaar Baudracco nicht nur vorübergehend Hab und Gut, sondern war auch zur Flucht gezwungen, da zwischen 1915 und 1918 der Alpenraum Hauptkriegsschauplatz zwischen Österreich und Italien war. Südtirol mit Bozen, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zum Kaiserreich Österreich-Ungarn gehörte, wurde 1919 abgetrennt und fiel an Italien. Die Kriegszeit verbrachten die Eheleute in Mailand, wo Bertha den Entschluss fasste, vom protestantischen zum katholischen Glauben überzutreten. Nach dem Krieg konnte das Paar nach Gries zurückkehren, wo Bertha mit ihrem Ehemann bis zum ihrem Tod am 10. Februar 1941 lebte. Schwer traf sie 1937 der Tod ihres Bruders Wilhelm. Ihr älterer Bruder Friedrich war zu diesem Zeitpunkt noch am Leben.
Berthas Ururgroßmutter Juliana Sophia Wolf war im Jahr 1750 verstorben. Ihr Ehemann, von großer Trauer um sie erfüllt, gab im selben Jahr als „Denckmal der Liebe“ ihre von ihr selbst verfasste Lebensgeschichte im Druck heraus. Ähnlich tief betrübt muss Mario Baudracco über den Tod seiner Frau gewesen sein. Noch in ihrem Todesjahr erschien die Schrift Juliana Sophia Wolfs unter dem Titel „Selbstverfasster Lebenslauf einer Streiterin Christi im 18. Jahrhundert“ als „Neue vom Ingenieur Mario Baudracco herausgegebene Auflage zum Andenken an seine im Februar 1941 heimgegangene Gattin“, worin er die Aufzeichnungen Juliana Sophias um eine Zusammenfassung der Geschichte der Familie Wolf und eine kurze Skizze über das Leben Berthas ergänzt.
Darin schildert Mario Baudracco seine Frau als starken Charakter, der sie Schicksalsschläge geduldig ertragen ließ, ohne dabei aber die Lebensfreude zu verlieren. Lobend hebt er ihr Sprachtalent hervor – sie beherrschte das Italienische in Wort und Schrift – sowie ihr Verständnis für technische Fragen, das sie seit den Kindheitstagen im väterlichen Betrieb in Fürth bewahrt hatte. Dadurch konnte sie ihrem Mann bei seiner Tätigkeit „im Dienste der Wasserkraftindustrie und des Eisenbahnwesens“ stets wertvolle Hilfe und Unterstützung leisten, insbesondere bei seinen Geschäftsbeziehungen zu deutschen Firmen.
Ihre Geburtsstadt dürfte Bertha Baudracco nach ihrem Weggang aus Fürth wahrscheinlich nicht mehr allzu häufig aufgesucht haben, wenn sie auch bis zu ihrem Tod als Eigentümerin des Anwesens Schillerstraße 10 in den Fürther Adressbüchern aufgeführt wird. Noch bis 1976 erscheint anschließend Mario Baudracco als Eigentümer. Sicherlich geht auf seine Initiative auch die Anbringung der Gedenktafel an der Hausfassade zurück, um die Erinnerung an seine Frau aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus bringt sie jedoch zum Ausdruck, wie wichtig für Bertha Baudracco-Wolf selbst ihre Herkunft aus Fürth und die Verwurzelung ihrer Familie in Franken gewesen sein muss.


Quellen und Literatur:
Stadtarchiv Fürth:
▪ Fach 18 a/W 288
▪ Fach 18 a/H 1251
▪ Familienbogen Holle, Ludolf Friedrich
Stadtarchiv Nürnberg:
▪ B 11 Nr. 125
▪ GSI 92
Stadtarchiv München:
▪ PMB H-352
▪ PMB W-297
Landeskirchliches Archiv Nürnberg:
▪ Kirchenbücher Langenzenn I und II

Habel, Heinrich: Stadt Fürth. Ensembles, Baudenkmäler, archäologische Denkmäler (Denkmäler in Bayern 61), München 1994, S. 352.

Will, Georg Andreas: Nürnbergisches Gelehrten-Lexicon, Vierter Theil, Nürnberg und Altdorf 1758, S. 294–296.

Georg Andreas Will’s Nürnbergisches Gelehrten-Lexicon, ergänzet und fortgesetztet von Christian Conrad Nopitsch, Achter Teil oder vierter Supplementband, Altdorf 1808, S. 422.

Wolf, Juliana Sophia: Selbstverfasster Lebenslauf einer Streiterin Christi im 18. Jahrhundert. Neue vom Ingenieur Mario Baudracco herausgegebene Auflage zum Andenken an seine im Februar 1941 heimgegangene Gattin Frau Bertha Emilie Baudracco-Wolf, Gries-Bolzano und Fürth bei Nürnberg 1941.