Archiv der Kategorie: Häuser erzählen Geschichten

Schillerstraße 10: Bertha Baudracco-Wolf

Betrachtet man in der Schillerstraße die Anwesen der Hausnummern 10 und 12, so unterscheiden sie sich äußerlich nur wenig voneinander. In den Jahren 1867–1870 in spätklassizistischer Bauweise als spiegelbildlich-symmetrische Anlage durch den Fürther Architekten Jakob Meyer (Firma Hofmann und Meyer) errichtet, variieren sie nur in einigen Details der Fassadengestaltung. Sofort fällt jedoch über dem Tor der Hausnummer 10 eine Gedenktafel mit Reliefbüste ins Auge, die an Bertha Baudracco-Wolf und ihre Vorfahren erinnert, deren Familiengeschichte und Lebensweg jedoch nur den wenigsten Fürthern bekannt sein dürfte. Wer also war diese Frau und welche Rolle spielte das Haus Schillerstraße 10 in ihrem Leben?

Berthas Ururgroßvater Johann Burkhard Wolf wurde am 17. Oktober 1700 vermutlich in Bamberg geboren, erhielt nach dem Studium der Jurisprudenz und Philosophie in Altdorf und Jena die Doktorwürde beider Rechte und wurde 1729 in das Kollegium der Advokaten der Reichsstadt Nürnberg aufgenommen und 1757 zum „Curator gerichtlicher und anderer Sachen“ ernannt. 1729 heiratete er die in Leipzig geborene und in Nürnberg aufgewachsene Juliana Sophia Freund, mit der er fünf Kinder hatte, zwei Töchter und drei Söhne, von denen der jüngste, Christoph August Wolf (1736–1816), wie sein Vater Jurist, zum kaiserlichen Notar in Langenzenn bestellt wurde, wo er sich 1788 mit Apollonia Sixtus (1750–?) vermählte. Beider Sohn, Johann Georg Wolf (1793–1842), schlug nicht mehr die akademische Laufbahn ein, sondern widmete sich als „Bürger und Ökonom“ der Bewirtschaftung seines Landbesitzes, den die Familie wohl im Laufe der Jahre erworben hat. Am 29. März 1837 schenkte seine Ehefrau Barbara Hoffmann (1799–1869) ihrem zweiten Kind Johann Georg Nikolaus Wolf das Leben, dem Vater Bertha Emilies. In Fürth ansässig war dieser seit 1863, nachdem seinem Gesuch an den dortigen Stadtmagistrat um die Erteilung einer Konzession als Flaschnermeister entsprochen worden war. Ab 1872 erscheint er in den Fürther Adressbüchern als erster Eigentümer des Anwesens Schillerstraße 10, wo er äußerst erfolgreich eine kleine Fabrik für Blechspielzeug und Blechblasinstrumente betrieb, wie aus seiner Bezeichnung als „Spielwaren-“ beziehungsweise „Trompetenfabrikant“ hervorgeht. Seit 1864 verheiratet mit Elisabeth Bauer (1840–1903), wurde am 1. Januar 1873 die Tochter Emilie Bertha als zweites Kind der Eheleute geboren. Spätere Angaben, die als Geburtsjahr 1878 nennen, sind unrichtig. Am 5. April 1871 war Sohn Johann Friedrich zur Welt gekommen, ein weiterer Sohn, Karl Wilhelm, folgte am 16. Juli 1874.
Die junge Bertha verlebte allem Anschein nach in der Schillerstraße 10 eine unbeschwerte Kindheit. Viele Stunden verbrachte sie im Betrieb des Vaters, an dem sie sehr hing, und verfolgte seine Tätigkeit mit lebhaftem Interesse. Umso härter traf sie sein früher Tod 1887 im Alter von nur 50 Jahren. Schweren Herzens musste seine Witwe das Unternehmen aufgeben, da ihre Kinder noch zu jung waren, um die Nachfolge des Vaters anzutreten, doch das Haus in der Schillerstraße verblieb im Besitz der Familie Wolf.
Über die nächsten Lebensjahre Bertha Wolfs bis zu ihrer Eheschließung ist nichts bekannt. Am 5. August 1893 heiratete sie den aus Schleiden, Regierungsbezirk Aachen (heute Kreis Euskirchen, Nordrhein-Westfalen), stammenden und seit etwa zwei Jahren in Fürth lebenden Ludolf Friedrich Holle (25. Mai 1867–?), der im selben Jahr vom Königlichen Oberbahnamt Nürnberg zum „Eisenbahnadjunkten“, worunter der Gehilfe eines Beamten zu verstehen ist, ernannt worden war, doch stand die Ehe unter keinem günstigen Stern. Die zwei Kinder verstarben noch im Säuglingsalter, Elsa (17. Juli 1893–27. August 1893) und Erich (4. Dezember 1894–8. März 1895), für die junge Frau sicherlich eine der „Bitterkeiten des Lebens“, von denen später ihr zweiter Ehemann Mario Baudracco spricht.

1897 hieß es für Bertha Abschied nehmen von Fürth und von der Schillerstraße, wo sie auch nach ihrer Verheiratung gelebt hatte, als ihr Ehemann zunächst nach Pleinfeld und ein Jahr später nach München versetzt wurde. Noch vier Jahre hielt danach die Ehe mit Friedrich Holle, bevor sie am 19. Dezember 1902 geschieden wurde. Über die näheren Umstände verlautet nichts; „aus Verschulden des Beklagten“ heißt es lediglich lapidar in amtlichen Angaben zum Personenstand. Das gemeinsame Wohneigentum in der Münchner Orffstraße musste aufgegeben und 1906 sogar zwangsversteigert werden. Bertha blieb in München, wo sich zwischenzeitlich auch ihr jüngerer Bruder Wilhelm, der laut Meldebogen als „Magazinier“ tätig war, niedergelassen hatte, mit dem sie anscheinend zeitlebens ein besonders herzliches Verhältnis verband. Der ältere Bruder Friedrich fand in Berlin als Kaufmann sein Auskommen. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie nach der Scheidung offenbar zeitweilig als „Kleidermacherin“, wird im polizeilichen Meldebogen der Stadt München aber auch als „Privatiere“ geführt, bezog also möglicherweise eine Art Rente.
Das Anwesen Schillerstraße 10 befand sich von 1893 bis zur Scheidung 1902 im gemeinsamen Besitz Bertha und Friedrich Holles; Elisabeth Wolf wird bis zu ihrem Tod 1903 nur noch als Bewohnerin des Hauses in den Adressbüchern der Stadt Fürth genannt.
Ein neuer, glücklicherer Lebensabschnitt begann für Bertha, als sie den aus Italien stammenden Ingenieur Mario Baudracco (5. Mai 1877–?) kennen lernte, den sie am 9. November 1910 heiratete. Ungewöhnlich ist der Ort der Eheschließung, die in London stattfand, allem Anschein nach im Laufe einer mehrjährigen Reise des Paares durch Italien und England. Wie aus ihrem Münchner Meldebogen hervorgeht, war im Mai 1909 für Bertha ein Pass für einen dreijährigen Aufenthalt in diesen Ländern ausgestellt worden. Im November 1909 erscheint sie allerdings noch als „falsch angemeldet“ unter einer Münchner Adresse als Ehefrau von Mario Baudracco unter dessen Namen. Um 1911 ließen sich die Eheleute dann offenkundig in Gries (bei Bozen; 1925 eingemeindet) nieder, denn dorthin hatte sich auch Berthas Bruder Wilhelm am 16. November 1911 aus München abgemeldet.
Doch noch immer kehrte keine Ruhe in Berthas Leben ein. Im Ersten Weltkrieg verlor das Ehepaar Baudracco nicht nur vorübergehend Hab und Gut, sondern war auch zur Flucht gezwungen, da zwischen 1915 und 1918 der Alpenraum Hauptkriegsschauplatz zwischen Österreich und Italien war. Südtirol mit Bozen, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zum Kaiserreich Österreich-Ungarn gehörte, wurde 1919 abgetrennt und fiel an Italien. Die Kriegszeit verbrachten die Eheleute in Mailand, wo Bertha den Entschluss fasste, vom protestantischen zum katholischen Glauben überzutreten. Nach dem Krieg konnte das Paar nach Gries zurückkehren, wo Bertha mit ihrem Ehemann bis zum ihrem Tod am 10. Februar 1941 lebte. Schwer traf sie 1937 der Tod ihres Bruders Wilhelm. Ihr älterer Bruder Friedrich war zu diesem Zeitpunkt noch am Leben.
Berthas Ururgroßmutter Juliana Sophia Wolf war im Jahr 1750 verstorben. Ihr Ehemann, von großer Trauer um sie erfüllt, gab im selben Jahr als „Denckmal der Liebe“ ihre von ihr selbst verfasste Lebensgeschichte im Druck heraus. Ähnlich tief betrübt muss Mario Baudracco über den Tod seiner Frau gewesen sein. Noch in ihrem Todesjahr erschien die Schrift Juliana Sophia Wolfs unter dem Titel „Selbstverfasster Lebenslauf einer Streiterin Christi im 18. Jahrhundert“ als „Neue vom Ingenieur Mario Baudracco herausgegebene Auflage zum Andenken an seine im Februar 1941 heimgegangene Gattin“, worin er die Aufzeichnungen Juliana Sophias um eine Zusammenfassung der Geschichte der Familie Wolf und eine kurze Skizze über das Leben Berthas ergänzt.
Darin schildert Mario Baudracco seine Frau als starken Charakter, der sie Schicksalsschläge geduldig ertragen ließ, ohne dabei aber die Lebensfreude zu verlieren. Lobend hebt er ihr Sprachtalent hervor – sie beherrschte das Italienische in Wort und Schrift – sowie ihr Verständnis für technische Fragen, das sie seit den Kindheitstagen im väterlichen Betrieb in Fürth bewahrt hatte. Dadurch konnte sie ihrem Mann bei seiner Tätigkeit „im Dienste der Wasserkraftindustrie und des Eisenbahnwesens“ stets wertvolle Hilfe und Unterstützung leisten, insbesondere bei seinen Geschäftsbeziehungen zu deutschen Firmen.
Ihre Geburtsstadt dürfte Bertha Baudracco nach ihrem Weggang aus Fürth wahrscheinlich nicht mehr allzu häufig aufgesucht haben, wenn sie auch bis zu ihrem Tod als Eigentümerin des Anwesens Schillerstraße 10 in den Fürther Adressbüchern aufgeführt wird. Noch bis 1976 erscheint anschließend Mario Baudracco als Eigentümer. Sicherlich geht auf seine Initiative auch die Anbringung der Gedenktafel an der Hausfassade zurück, um die Erinnerung an seine Frau aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus bringt sie jedoch zum Ausdruck, wie wichtig für Bertha Baudracco-Wolf selbst ihre Herkunft aus Fürth und die Verwurzelung ihrer Familie in Franken gewesen sein muss.


Quellen und Literatur:
Stadtarchiv Fürth:
▪ Fach 18 a/W 288
▪ Fach 18 a/H 1251
▪ Familienbogen Holle, Ludolf Friedrich
Stadtarchiv Nürnberg:
▪ B 11 Nr. 125
▪ GSI 92
Stadtarchiv München:
▪ PMB H-352
▪ PMB W-297
Landeskirchliches Archiv Nürnberg:
▪ Kirchenbücher Langenzenn I und II

Habel, Heinrich: Stadt Fürth. Ensembles, Baudenkmäler, archäologische Denkmäler (Denkmäler in Bayern 61), München 1994, S. 352.

Will, Georg Andreas: Nürnbergisches Gelehrten-Lexicon, Vierter Theil, Nürnberg und Altdorf 1758, S. 294–296.

Georg Andreas Will’s Nürnbergisches Gelehrten-Lexicon, ergänzet und fortgesetztet von Christian Conrad Nopitsch, Achter Teil oder vierter Supplementband, Altdorf 1808, S. 422.

Wolf, Juliana Sophia: Selbstverfasster Lebenslauf einer Streiterin Christi im 18. Jahrhundert. Neue vom Ingenieur Mario Baudracco herausgegebene Auflage zum Andenken an seine im Februar 1941 heimgegangene Gattin Frau Bertha Emilie Baudracco-Wolf, Gries-Bolzano und Fürth bei Nürnberg 1941.

Die „Pechhütt´n“ in der Südstadt

12D0053Pechh.Sehr einladend zeigt sie sich ausgerechnet bei ihrem „Entrée“ ja nicht gerade, die Fürther Südstadt, wenn man von der Innenstadt aus der Bahnunterführung in die Schwabacher Straße kommend nach links schaut. Dort steht das Haus Nummer 53. Mit ihm begann die Stadtentwicklung südlich der Bahnlinie – und damit auch die Geschichte der Südstadt. „Pechhütt´n“ nennen die Einheimischen dieses Anwesen oder „Weber´s Haus“. In der heutigen Folge aus der Reihe „Häuser erzählen Geschichten“ geht es um diesen freistehenden Eckbau, der 1831 von Maurermeister Meyer und Zimmermeister Georg Herrlein als Ausflugsgaststätte errichtet wurde.

Sein Bauherr, der Schuhmacher Georg Bosch, der auch mit Käse handelte, bemühte sich allerdings zunächst vergeblich um die Erlaubnis, auf seinem Anwesen „nächst der Schwabacher Straße, wo er vor einiger Zeit ein Stück Feld erkauft, solches zu einem Garten umgewandelt und ein Haus darauf erbaut“, eine Sommerwirtschaft zu betreiben. Ob und wann dort tatsächlich ein Gastronomiebetrieb lief, lässt sich leider nicht eruieren.

Viele Jahre blieb die „Pechhütt´n“ das einzige Haus südlich des alten Krankenhauses. Lange Zeit war das Anwesen auch nur über einen Feldweg und eine kleine Brücke zu erreichen, die über den „Leyher Landgraben“ ging. In der Denkmalliste finden wir eine Beschreibung des Gebäudes, das noch heute von einem großen Garten umgeben ist: „Zweigeschossiges, klassizistisches Wohnhaus aus Sandstein mit Gurtgesims und Walmdach.“  Auf dem Foto oben sieht man den neueren Eingangsvorbau mit einer Freitreppe. So hoch über der Schwabacher Straße „thronte“ das Gebäude nicht von Anfang an. Erst der Bau und die Erweiterung der Bahnunterführung (1896 und 1926)  brachten diese Veränderung mit sich: Die Schwabacher Straße musste tiefer gelegt und das Haus entsprechend abgestützt werden.

Erst im Fürther Adressbuch von 1850 findet man dann bei dem damaligen Bewohner Johann Adam Reichel neben der Berufsbezeichnung „Drechslermeister“ auch die Angabe „Wirt“. J.A. Reichel besaß seit 1848 zudem die Lizenz zur Herstellung von Schwefelhölzern. Diese Genehmigung wurde ihm auch deswegen erteilt, weil aufgrund der Lage seines Hauses „am äußersten Ende der Stadt“ keine Sicherheitsbedenken für solch eine Produktion bestanden. Ob daher wohl die Bezeichnung „Pechhütt´n stammt? Der Schluss liegt jedenfalls nahe.

Die Bezeichnung „Weber´s Haus“ wiederum geht sicherlich auf den langjährigen Eigentümer Johann Georg Weber zurück, der 1872 das Anwesen von seinem Vorbesitzer, dem Wirt Georg Ammon, übernahm. Zu lesen ist vom „Weber´s Haus“ 1932 in den Erinnerungen des ersten Fürther Stadtarztes Dr. Emil Stark (1862 – 1939). Dort heißt es: „Östlich der Schwabacher Landstraße, gleich links über der Bahn gelegen, stand das sog. „Weber´s Haus“, jetzt Schwabacher Straße 53…“

Webers Witwe Anna Marg ließ übrigens 1902 durch den renommierten Fürther Architekten Adam Egerer (1859 – 1936) den noch heute vorhandenen Anbau an der Rückseite errichten. Sie bewohnte das Erdgeschoss, im ersten Stock ist von 1903 bis 1935 Hermann Friedrich nachweisbar. Dieser Herr wurde am 27. April 1933 zum „Zweiten Rechtskundigen Bürgermeister“ ernannt – in derselben Sitzung, in der Oberbürgermeister Robert Wild durch den Nationalsozialisten und späteren Oberbürgermeister Franz Jakob abgesetzt wurde.

stich030Pechh.Danach wechselten die Eigentümer recht oft. Vielleicht erinnern sich manche Fürther noch an den letzten Bewohner, den Zahnarzt Dr. Herbert Fichtner, der dort bis in die 1980er Jahre auch seine Praxis betrieb.

Seitdem steht das denkmalgeschützte Haus leer, verfällt zusehends und ist immer wieder Stoff für Spekulationen.

Zuletzt im April 2015 in den Fürther Nachrichten. Da schrieb Redakteur Johannes Alles: „Totgesagte leben länger: Die Pläne für ein neues Hotel in der Südstadt sind aktuell – völlig unabhängig von einem weiteren Hotelneubau an der Stadthalle – Bauantrag bis Juni“. Alles berichtet von den Plänen der Solena GmbH, mit einem 100-Betten-Bau die Lücke entlang der Karolinenstraße zu schließen und das älteste Haus der Südstadt zu sanieren. Das neue Hotel soll den maroden Altbau umschließen und in das Konzept integrieren. Und Oberbürgermeister Dr. Thomas Jung sagt im gleichen Artikel dazu, dass das mittlerweile sehr verwahrloste Grundstück geradezu nach einer Entwicklung schreie. Es werde Zeit, dass sich dort etwas tue. „Erzwingen kann die Stadt das aber nicht“.

Und so ist wieder fast ein Jahr vergangen, ohne dass sich am „Tor zur Fürther Südstadt“ etwas geändert hat. Die gute alte „Pechhütt´n wartet nach wie vor auf ihre Erweckung aus dem Dornröschenschlaf. Bleibt zu hoffen, dass der erlösende Prinzenkuss kommt, bevor die Abrissbirne vor dem Grundstück steht.

Ein dickes Dankeschön an die Historikerin Helga Zahlaus für die Unterstützung bei der Recherche zu diesem Beitrag.

Literatur/Quellen:

  • FürthWiki: Schwabacher Straße 53.
  • Habel, Heinrich: Stadt Fürth. Ensembles, Baudenkmäler, archäologische Denkmäler, München 1994, S. 370.
  • Walther, Gerd; Geschichte für Alle e.V. (Hgg.): Fürth – Die Kleeblattstadt. Rundgänge durch Geschichte und Gegenwart, Fürth 1991, S. 84.
  • Adressbücher der Stadt Fürth 1850 bis 1982.

 

Fotos: Archiv Lothar Berthold10D3089Pechh.

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Die „Wiederer-Villa“

„Häuser erzählen Geschichten“: Unter diesem Titel wollen wir in loser Folge einen Blick hinter die Fassaden von Fürther Häusern werfen, etwas erzählen von den Menschen, die dort gewohnt haben, und zeigen, wie sich über die Jahrhunderte an solchen Orten die Stadtgeschichte entwickelt hat. Dieses Mal geht es in die Fürther Südstadt und die Zeit der Industrialisierung. Dazu hat auch die Abiturientin Viktoria Rieck wertvolle Informationen geliefert, dafür danken wir ganz herzlich. Ein besonderer Dank geht an Peter Frank, von dem ein Großteil der Fotografien stammt. Ohne seine umfangreichen Recherchen hätte der Beitrag so nicht erscheinen können.

Haben Sie schon einmal das Stadtmuseum in der Ottostraße 2 besucht? Da sind sie ausgestellt, die repräsentativen Spiegel aus der sogenannten „Gründerzeit“ Mitte des 19. Jahrhunderts, die Fürth den Titel „Stadt der Spiegel“ eingebracht haben. Damals war so ein Spiegel unverzichtbarer Bestandteil und exklusiver Schmuck einer jeden großbürgerlichen Wohnung. Und diese Kostbarkeiten wurden zu einem Großteil in Fürth hergestellt, dem Zentrum bayerischer Spiegelglasproduktion in dieser Zeit. Im Adressbuch von 1895 werden 77 Firmen genannt, die sich mit der Herstellung und mit dem Handel von Spiegeln und Spiegelglas beschäftigt haben, außerdem etwa 40 Rahmenhersteller und zehn Firmen, die das Belegen der Gläser vornahmen.Noch heute finden wir Spuren solcher alten Spiegelglasfabriken und -handlungen in der Stadt: Schriftzüge über Hauseingängen, verblasste Firmenschilder, alte Fabrikgebäude. Und auch mit dem Erbe dieser Epoche mussten und müssen sich die Fürther auseinandersetzen: Umfassende Sanierungen quecksilberhaltiger Böden und ganzer Gebäude zeugen von dem oft sorglosen Umgang mit dem Nervengift, dessen Auswirkungen auf die Gesundheit recht spät erkannt wurden.

Villa farbig

Ehemaliges Wohnhaus und Kontor der Besitzer der Spiegelfabrik Wiederer Foto: Rieck

Eine dieser Spuren führt uns in die Fürther Südstadt. Dort, gleich nach dem Jakobinentunnel, steht die Villa der Gebrüder Georg und Konrad Schwarz. 1888 erbaut, ist sie ein letztes Zeugnis vom Aufstieg und Niedergang der Spiegelfabrik N. Wiederer & Co. Eine spannende Firmen- und Familiengeschichte, die 1859 in der damaligen Friedrichstraße 18 begann und über die Zwischenstation eines Handwerksbetriebs am Helmplatz 7 schließlich mit einem eindrucksvollen Industriebau zwischen Leyher-, Ritter-, Wald- und Kaiserstraße endete.

Doch zurück zu den Wurzeln. 31 Jahre war er alt, der aus Zwiesel in der Oberpfalz stammende Glasschneider Nicolaus Wiederer, als er – nach Lehr- und Wanderjahren – in Fürth 1859 die Genehmigung bekam, sich in der Stadt als Glasschleifer, Glasfacetier, Glas- und Steingraveur niederzulassen. Fast sein ganzes Vermögen investierte er in eine Glasfacetiermaschine und seine ganzen Hoffnungen auf einen erfolgreichen Firmenstart wurden durch die Hochzeit mit der Wirtstochter Katharina Schwarz erfüllt. Sie brachte ein nicht unerhebliches Vermögen und drei uneheliche Kinder (Georg, Konrad und Peter) mit in die Beziehung. Den Umzug der Firma in die Südstadt 1880/81 erlebte Nicolaus Wiederer nicht mehr. Er starb am 17. Januar 1878, seine Stiefsöhne Georg und Konrad Schwarz übernahmen die Geschäfte. Und die konnten sich sehen lassen. Die Nachfrage nach facettierten Gläsern wuchs und wuchs. 1896 beschäftigten die Brüder 600 Mitarbeiter, die Waren der Spiegelfabrik wurden weltweit vertrieben, besonders in den USA fanden sie großen Absatz.

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Ein Werbeplakat Quelle: Stadtarchiv Fürth

Man produzierte Hand-, Toiletten- und Luxusspiegel aller Art, Schaufenstergläser, Firmenschilder, Glasschränke, aber auch ganze Glaspavillons für Hotels und Varietés. Auf vielen nationalen und internationalen Ausstellungen wurde das Sortiment vorgestellt, 1876 war die Firma sogar auf der Weltausstellung in Philadelphia präsent und konnte mit einer Reihe von Preisen und Medaillen nach Fürth zurückkehren. Und so war es nur logisch, dass sich die Firmeninhaber, die mittlerweile höchst geachtete Bürger ihrer Heimatstadt waren, 1888 direkt am Firmengelände eine repräsentative Villa bauen ließen und dort auch ihr Kontor betrieben. Schließlich wollte man ja ein Auge auf die Arbeiterschaft haben und kontrollieren, ob der Tag auch pünktlich begonnen wurde. Zudem mussten die Chefs bei Problemen auch immer erreichbar sein.

Die Welt für die Fabrikarbeiter war an der Leyher Straße allerdings nicht so rosig wie die der Auftragsbücher. Eine Sechs-Tage-Woche mit einer täglichen Arbeitszeit von bis zu zwölf Stunden war die Regel, nur am Sonntag hatte man frei.  Fehlverhalten oder ein Verstoß gegen die Arbeitsordnung führte schnell  zur fristlosen Kündigung. Arbeitsunfälle wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen waren an der Tagesordnung. Eine Absicherung bei Arbeitsunfähigkeit gab es nicht. Der durchschnittliche Lohn von 18 Mark pro Woche reichte kaum zum Lebensunterhalt. Ständig war die Familie gezwungen, am Essen, an der Kleidung oder am Wohnen zu sparen. Dazu kamen die gesundheitlichen Probleme, die durch die giftigen Quecksilberdämpfe beim Belegen der Spiegel entstanden.

Wiederer Ritterstr. Villa+Fabrik

Villa und Fabrik um die Jahrhundertwende Quelle: Stadtarchiv Fürth

Um mehr Rechte für die Arbeiter durchzusetzen, organisierten die noch jungen Gewerkschaften auch in Fürth Streiks und Ausstände. So im Mai  1906, als 1700 Arbeiter aus zwölf Spiegelglasfabriken bessere Arbeitsbedingungen forderten. Die soziale Lage verbesserte sich aber auch in unserer Stadt erst mit der Einführung der gesetzlichen Sozialversicherung.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs und der Inflation in den 1920er Jahren endete in vielen Fürther Industriebetrieben das „goldene Zeitalter“. So auch in der Spiegelfabrik N. Wiederer & Co.: Nationale und internationale Handelsbeziehungen brachen weg, Auftrags- und Kapitalmangel führten schließlich dazu, dass die Firma 1932 Konkurs anmelden musste. Die Spiegel- und Werkmaterialien wurden vom Konkursverwalter weit unter Wert verkauft, das Fabrikgebäude 1934 zu Wohnungen umgebaut. Geblieben ist nur besagte „Wiederer-Schwarz-Villa“, die sich heute nicht mehr im Familienbesitz befindet.

Im Sommer 1939 zog dann die „Metz-Apparatefabrik“ in die Leyher Straße und füllte das Gelände bis zum Umzug der TV-Geräte- und Möbelproduktion in den 1950er Jahren nach Zirndorf wieder mit neuem Leben. Heute prägt nur noch  der imposante Metz-Verwaltungsbau die Ritterstraße, allerdings befindet sich dort mittlerweile die Raiffeisenbank. Die Metz-Fabrikationsgebäude wurden zu Wohnungen umgewandelt und 1998 zog schließlich auch die Verwaltung nach Zirndorf.

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Beispiel für einen Venetianer Spiegel Quelle: FürthWiki

 

 

Und so endet unsere Spurensuche wieder im Stadtmuseum. Hier kann man das berühmteste Produkt der Firma Wiederer, den Venetianer Spiegel bewundern. Nicht nur diese Rarität ist einen Besuch des Museums wert!

 

 

 

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Fotos aus dem Spiegelkatalog von Schwarz&Co, zur Verfügung gestellt von Carry Hubmann, Nachfahrin der Firmengründer

 

 

 

 

 

 

 

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Das Evora Haus

 

„Häuser erzählen Geschichten“: Unter diesem Titel wollen wir in loser Folge einen Blick hinter die Fassaden von Fürther Häusern werfen, etwas erzählen von den Menschen, die dort gewohnt haben, und zeigen, wie sich über die Jahrhunderte an solchen Orten die Stadtgeschichte entwickelt hat.

Beim Jahresgruß auf unserer Startseite war es schon einmal zu sehen, das „Evora Haus“ in der Königswarter Straße. Seine Geschichte erzählt ein Bewohner. Wir danken Bernd-Uwe Schinzel ganz herzlich für diesen Beitrag.

 

Evorahaus

1976, Städtebilderverlag Lothar Berthold

Fürth, um 1890. In der Stadt leben rund 43.000 Einwohner. Bürgermeister seit 1873 (bis 1901) ist Friedrich Langhans. Über ein halbes Jahrhundert lang fährt schon die erste deutsche Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth. Vor neun Jahren hat der Adler Konkurrenz bekommen: eine Pferdebahn verbindet die beiden Städte. Die Lokalbahn nach Zirndorf wird 1890 eröffnet und 1892 bis Cadolzburg verlängert. Die frühere Bahnhofstraße entlang den Gleisen der Ludwigseisenbahn heißt seit 1875 Königswarterstraße, benannt nach Dr. Wilhelm Königswarter (1809 – 1887), Sohn einer wohlhabenden Bankiersfamilie und einem der vielen jüdischen Wohltäter der Stadt, Ehrenbürger seit 1867, Stifter des Centaurenbrunnens. Noch stehen hier nur vereinzelte Häuser. Auf dem Eckgrundstück Königswarterstraße / Luisenstraße (Ostseite) wachsen Gras und Büsche. Weiterlesen

Das Ludwig Erhard Haus

Häuser erzählen Geschichten

Sternstr5-FamWilhelmErhard-SammlungKlausHornSc10Mit sichtlichem Stolz und Selbstbewusstsein blickt der Textilwarenhändler und Weißwarengeschäfts-Inhaber Wilhelm Philipp Erhard in die Kamera. Umrahmt von seinen Mitarbeitern steht er im Eingang des Geschäfts in der Fürther Sternstraße 5 (vorne rechts auf dem Bild), jener Straße, die seit 1977 den Namen seines Sohnes Ludwig trägt, der dort am 4. Februar 1897 das Licht der Welt erblickte. Berühmt wurde Ludwig Erhard natürlich als „Vater der Sozialen Marktwirtschaft und des Wirtschaftswunders“, obwohl er selbst diese Bezeichnung nicht besonders mochte.

Sein „Vater Wilhelm Philipp war ein Bauernbub aus der unterfränkischen Rhön, der mit großem Fleiß sein Glück in der florierenden Industriestadt Fürth machte. Die Mutter Augusta, eine Fürther Handwerkstochter, arbeitete trotz ihrer fünf Kinder ständig im Geschäft mit und vermittelte dem kleinen Ludwig – wie er sich später erinnerte – eine ,Atmosphäre bürgerlicher Beschaulichkeit und Sorglosigkeit‘“, so schildert die Stadt Fürth die Abstammung ihres berühmten Sohnes.

Das Ehepaar Erhard gehörte also mit ihrem Wäsche- und Ausstattungsgeschäft zur soliden Mittelschicht. Auch die junge Elisabeth Bock, die im Februar 1915 als „Mädchen für Küche und Haus“ zur Fürther Kaufmannsfamilie kam, kann sich noch gut an den späteren Bundeskanzler erinnern. Schließlich gehörte es im Kaiserreich zum guten Ton, Hausangestellte zu beschäftigen, die sich auch um den Nachwuchs der Familie kümmerten. Ludwig war damals allerdings schon 18 Jahre alt, lebte anfangs aber noch mit im Haus, bis er sich im Jahr 1916 als Freiwilliger zum Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg meldete.

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